svetlana briah

Svetlana Briah

Dein Schicksal - warum Dein Leben so ist wie es ist

Vorwort:

Worin liegt der Grund deiner heutigen obhutlosen Kindheit?

Wo sind die Wurzeln deiner Verbundenheit mit dem einen oder anderen Menschen? Woher kommt deine unergründliche Liebe zu dem einen oder anderen Land? Warum begleiten dich mit beneidenswerter Stetigkeit Geldsorgen? Wo liegen die Ursprünge, dass du die eine oder andere Nation nicht „annehmen“ kannst?

Woher kommt es, dass der Sohn törichte, unschöne Dinge tut und die Mutter ihm mit Nachsicht ergeben in die Augen schaut, ihm vergibt und ihn hätschelt?

Gerade das eine oder andere Vorkommnis in der Vergangenheit formt Ereignisse im heutigen Tag, die im jetztigen Leben des Menschen zu seinem brennenden Problem werden.

In dieser autobiographischen Erzählung, berichtet die Autorin über sich und ihre Nächsten, über konkrete Begebenheiten ihres Lebens und schaut gleichzeitig in die Vergangenheit, erinnert sich an ihre damaligen Inkarnationen, in denen einst die Saat gesät wurde, die heute Früchte getragen hat.  Begebenheiten aus ihrem nicht leichten aber interessanten Schicksal. 

Dein Schicksal - warum Dein Leben so ist wie es ist 

„Mein Kind, die Erprobungen und Prüfungen sind weder Launen von Deinen Lehrern noch Kapriolen der Götter. Sie sind Maßstäbe Deines inneren Goldes. 

Die Kräfte von Feuer, Luft, Wasser und Erde sind gefährlich für den Schwachen und Unwissenden, jedoch verbeugen sie sich vor der Weisheit und dienen ihr. 

Du gewannst dreimal in drei Schlachten, aber Du wanderst in der Dämmerung, ohne den Weg zu kennen.  Der Weg kann niemandem gezeigt werden, bis dieser sich selbst von Innen öffnet und sich das Dunkel über seinem Anfang lichtet. Wo ist der Anfang?

Du weißt es nicht, aber Du bist schon bereit zu gehen und andere führen. Überheblichkeit ist die schlimmste Blindheit.

Kamst Du, um Seelen aus dem Dunkel zu führen? Dann tritt ein in die Dunkelheit deiner eigenen Seele und führe dich selbst hinaus, weil zwischen dir und dem Geist bist nur du selbst.

Finde die Fackel des Schweigens. Erhelle mit ihr den Anfang des Weges. Geh hin.“

Zor Alef „Sakrale Heilkunst“

Gewidmet all jenen, mit denen meine Seele in vielen meiner Inkarnationen verbunden war - verbunden mit dem Wichtigsten - mit den Fäden der Liebe.

 

Kapitel 1

Ihre Stimme fragte:

-          Was hast du an deinem achtzehnten Geburtstag gemacht? 

Ich spannte mich angestrengt an, um mich zu erinnern.

-          Du sollst dich nicht erinnern, lass es dich einfach sehen.

Einfach gesagt… Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, was es bedeutet „lass es dich sehen“.    Jedoch tauchte etwas im Gedächtnis auf, wurde lebendig und ich antwortete.

-          Und was hast du an deinem zehnten Geburtstag gemacht?

Es tauchten ein paar Bruchstücke auf…Meine Oma, die mir ein Buch schenkte, welches natürlich nicht sie selbst gekauft hatte, wofür sie Peinlichkeit fühlte und Unverständnis…Irgendein Stück Stoff, welches sich als mein Kleid entpuppte, das mein Knie umspannte …

-          Was hast du an deinem siebten Geburtstag gemacht?

…Erwartung…wahrscheinlich Vorfreude. Vermutlich vor der Schule, denn zwölf Tage später ging ich in die erste Klasse.

-          Was hast du an deinem fünften Geburtstag gemacht?

…Ich liege in meinem kleinen Bettchen…Ich hatte zwei gleiche Puppen geschenkt bekommen: eine hatte ein fliederfarbenes Kleid an, die andere ein kirschfarbenes. Ich nannte sie Marina und Margarita. Margarita verwandelte ich nach einiger Zeit in Marianne.  Ich mochte die erste und konnte die zweite nicht leiden…

-          Was war an dem Tag, als du ein Jahr alt wurdest?

… ein wohlgenährtes Wesen mit Bäckchen, mit einem Rüschenkleid bekleidet…recht selbstbewusst und sehr ruhig. Aber seltsam: das Wesen - ist ein Mädchen, aber die Gedanken, die ich empfange sind erwachsen und absolut männlich. Und ich spüre Kraft, obwohl es doch ein ganz junges Kind ist…

-          Was war im Moment deiner Geburt?

…Weißes Licht, ich bin irgendwoher entschlüpft…Weder Angst noch Liebe…bin einfach ausgebrochen…

-          Was war vor der Empfängnis?

Da setzte mein Gedächtnis aus, aber das bemerkte ich nur flüchtig, denn in diesem Moment konnte ich es einfach sehen! Ich sah ein Wesen, einen Lichtpunkt, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit  im Sog eines Wirbelstroms zu seiner Mutter auf die Erde bewegte. Das Wesen sollte für Vieles auf die Erde kommen, aber es fühlte gerade nur das Eine:  seiner Mutter mit seiner Liebe zu helfen, sie mit der Kraft seiner Liebe zu unterstützen.

Ich kam um der Liebe Willen…

Verzeih mir, Mama…

 

Meine Mutter war schon über dreißig. In den 50-er Jahren des XX Jahrhunderts bedeutete das: du bist eine alte Jungfer.

Sie war ein interessanter Mensch mit vielen Fähigkeiten, meine zukünftige Mutter. Sie war sehr stark in einen jungen Mann verliebt, heiratete ihn jedoch nicht, da sie sich weigerte, ihm ins ewige Eis nach Spitzbergen zu folgen. Sie war eine fröhliche und strahlende, mit heller Stimme singende Frau, mit riesigen blauen Augen und einer schönen Figur. 

Die Figur des Vaters zeichnete sich vor mir wenig ab. (Das zeigte sich dann auch genauso in der Wirklichkeit.  Ich konnte mich an meinen Vater nicht erinnern und traf ihn nur zweimal im Leben – im Alter von fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren). Er strahlte etwas aus, was mir nicht gefiel, aber was ich aus irgendeinem Grund benötigte: eine unbestimmte Lockerheit, Zerstreutheit, Diskontinuität, bei gleichzeitig äußerlich strengen Zügen. Eifersüchtig bewachte er meine Mutter mit Argusaugen. Die Farbe der Lüge war seine Farbe. Sein Astrosom (Seelenkörper - die den Geist ummantelnde Seele) war für meine Inkarnation gut geeignet, imponierte mir jedoch überhaupt nicht. In ihm war etwas, was mir mit Anstrengung aufzuarbeiten bevor stand. Das Wissen darüber, lies mich entspannt bleiben. Es bestand eine Übereinstimmung der karmischen Ströme, ich wurde durch das Gefühl der Notwendigkeit angetrieben und dem Wunsch, mich so schnell wie möglich von etwas Ähnlichem, Schwerem zu befreien. 

               Dann ……die Empfindung von Einsamkeit…

Der Empfängnistrichter war breit und ausreichend hoch: meine Mutter liebte vor der Empfängnis die ganze Welt, das erlaubte es mir „zu kommen“.

Sie freute sich so über ihre Liebe: über den Menschen, der mein Vater werden sollte, ja überhaupt freute sie sich über alles, sie strahlte Freude aus und steckte andere mit dieser Freude an. Tagelang sang und sang sie. Auf dem Weg zur Arbeit sang sie, zuhause sang sie, im Gemüsegarten sang sie.   Sie sang sogar bei der Arbeit, während sie auf etwas Unverständlichem, Jämmerlichen herum-klapperte, was sich im Nachhinein als Holzringe eines Abakus entpuppte. Meine Mutter war Buchhalterin. Mein Vater wurde von ihrer Liebe förmlich wie „angeknipst“: er lächelte, er - der meist finster unter den Augenbrauen heraus blickte, niemandem und an nichts glaubte, unfreundlich war und der durch diese Unfreundlichkeit zwar unglücklich war, sich dessen jedoch nicht bewusst wurde.

Ihr Zusammenleben begann. Es war ein seltsames Leben, aber…Damals sah man solche Bedingungen als normal an: in einem achtzehn Quadratmeter großen Zimmer stand in der Mitte ein runder Tisch, außerdem befanden sich da ein Schminktisch und eine Kommode; an der einen Wand stand ein Bett auf dem eine Frau mit ihrem siebenjährigen Sohn schlief, und das Bett gegenüber wurde das Ehebett des jungen Paares. In der Küche schlief die Mutter dieser beiden jungen Frauen.  Die Bedingungen waren nicht wirklich geschaffen für tägliche leidenschaftliche Vereinigungen und diese erzwungene Enthaltsamkeit gepaart mit der starken Liebe meiner Mutter und ihrem aufrichtigen Kinderwunsch, ließen einen Empfängnistrichter von notwendiger Höhe und Breite entstehen. 

Meine irdische Inkarnation begann. Ich landete in dieser Welt. 

Seit ich mich erinnern konnte, war es so: eine kleine Bergarbeiterstadt in Sibirien mitten in der Taiga. Ein winziges Holzhäuschen: ein Zimmer, eine kleine Küche, Diele und Außentreppe. Hier wohnen wir zu dritt: meine Oma, meine Mutter und ich. Kein Mann. Genau gesagt, er existierte als: ein „für ein Jahr auf Bewährung Bestrafter“, und er verschwand genauso schnell wie er gekommen war. Ich war drei Monate alt, als mein Vater die Familie verließ und zu seinen Freunden, Alkohol, Zechgelagen und anderweitigen „Freuden des Leben“ zurückkehrte.  Meine Tante zog mit ihrem Sohn weit in den Norden des Landes. 

              An meine Kindheit kann ich mich kaum erinnern. Nur so an einige Momente.

Erste Klasse. Meine erste Lehrerin, die sehr korpulente und strenge Klawdia Markowna. Ich bekam von ihr eine „fünf“ für schlechtes Benehmen, weil ich meine weiße „Ordnungsdienst“ - Armbinde mit dem roten Kreuz drauf, zuhause vergaß. Stellt euch vor: erste Klasse, statt Noten nur gute, freundliche Bildchen in den Schulheften, Glück und Zufriedenheit, und jetzt kommt die erste echte Note: eine „fünf“!

Wahrscheinlich kam mit ihr das Gefühl, dass damit mein Leben endet und ich die Klasse nicht mehr betreten werde. Ich sammelte meine Hefte zusammen, legte sie in die Tasche und verließ die Schule. Von zu Hause bis zur Schule war es recht weit, so etwa drei Kilometer. Ich kam aus dem Schulgebäu-de heraus, band den Griff meiner Schultasche an meiner Haarschleife vom Zopf fest (sie reichte somit genau bis zum Boden) – und …wie ein Wolgatreidler schleppte ich meine Schultasche hinter mir her auf der herbstlichen Straße (fragt mich nicht -  wozu – das weiß ich heute auch nicht mehr). Das Zentrum der Stadt war asphaltiert, unsere Straße – nicht. Wahrscheinlich braucht man sich nicht besonders anzustrengen, um sich vorzustellen, was ich am Ende alles in der Schultasche „mit nach Hause brachte“. Wie meine Oma keinen Herzinfarkt bekommen hat, als sie ihre Enkeltochter und den Zustand der Schultasche sah - bleibt für mich bis heute ein Rätsel. 

Ich bin acht Jahre alt. 

Ich hocke auf einer abgebröckelten Fensterbank, die noch Spuren von hellblauer Farbe hat. Unser Tisch stand am Fenster, deshalb saß ich gerne an meinem „sommerlichen“ Platz auf der Fensterbank. Ich genieße meine herrliche Lieblingsspeise: okroshka. Nach ein paar Minuten schon lasse ich mich raus in den Hof runter plumpsen, und bin unerreichbar. 

 „Räuber und Gendarm“ Spiel, Kreide in der Hand, Vorfreude auf Abenteuer, „Ohren steifgehalten“ wie meine unvergessene Oma immer sagte. Wenn es dämmerte, kam sie mit einer Leckerei als Köder in der Hand raus: Einem Stück Brot mit grobkörnigem Salz bestreut, und gelegentlich belegt mit einer seltenen Delikatesse in unserer Familie: einer Scheibe Fleischwurst mit der heilsamen Benennung „Doktorskaja“!  Mich nach Hause hereinlocken, konnte man nur mit Tricks. Klapp, klapp, klapp, das Klappern der harten Sandalensohlen war schon von weitem zu hören und verkündete, dass „das Kind“ angerannt kam. Meine Oma streckte mir die Hand mit der Stulle entgegen, mit der ich während der Übergabe eingefangen werden sollte. 

«Svetka, der Teufel soll dich holen, bist Du ein Mädchen oder was?!“ – sie erwartete natürlich keine Antwort; ich schnappte mir das Butterbrot aus ihrer Hand und rannte auf die Straße, weg mit vollem Mund.  (Übrigens, nur mehrere Jahre später wurde mir bewusst, wer dieser „Teufel“ ist, der mich „holen“ sollte)

Sommer. Kinderferienlager am Fluss, der den komischen Namen „Jaja“. Trägt. Fast drei Monate ein Leben im Wald. Jeden Samstag – ein Alptraum: das gemeinsame Bad – die Banja. Jeden Sonntag steckten alle ihre Nasen durch den Zaun – für wen ist schon der Besuch angekommen? Meine Mutter kam mit Himbeeren, meinem Lieblings- Aprikosenkompott und wir gingen zum Fluss. Wenn sie nicht kommen konnte, weinte ich. Komisch, aber ich kann mich überhaupt nicht Glück erinnern.

Im Gänsemarsch laufen wir mit bunten Sommerkäppies bedeckt in den Wald. Wir sammeln Zapfen zum Basteln, machen aus Birkenblättern Girlanden. Walderdbeeren - auf die Halme langer Gräser aufgespießt…. Manchmal brachte ich ein paar solcher Beerenspieße, wie wir sie nannten, zu meiner Cousine, die hier auch untergebracht war - in einer Kleinkindgruppe, obwohl sie nur drei Monate jünger war als ich. 

Roggen…Felder…Kornblumen im Roggen. Und viele, viele Margeriten. Birkenwald, Pilzduft und unverwechselbarer, mehrere Jahre sehnlich vermisster Duft von sonnenerwärmten Kiefern. Für mich war es der Sonnenduft. Ich verstand, dass es der Geruch von Kiefern war, aber in meinem Kopf war es der „Sonnenduft“ und er beinhaltete etwas Weites, Unerklärliches, absolut märchenhaftes und unbeschreiblich Wunderschönes. Ja das war das einzige Glück: Sommer, Margeriten, Walderdbeeren und Sonnenduft.  

Die Frage der Abwesenheit meines Vaters löste ich einfach: wegen der Sommersprossen auf meiner Nase sagte die Oma oft zu mir. „Die Sonne hat sich in dich verliebt“ und ich war fest davon überzeugt, dass ich eine „Sonnen –Tochter“ sei. 

Viele Jahre später, als ich schon erwachsen war, versuchte ich, meine kindlichen Gefühle zu verstehen: Mit wem hatte ich gelebt? Ich hatte beständig empfunden, immer allein gewesen zu sein. Meine Mutter führte irgendein eigenes Leben, meine Oma – ihres. Eigentlich, erinnere ich mich an Oma ungefähr so: Ich bin im Zimmer, sie ist in der Küche – mal brät sie etwas, mal tuschelt sie mit ihren Freundinnen-Omas. Manchmal wurde sie von meinem Patenonkel und seinem Sohn abgeholt. Selten durfte auch ich mit. 

Meine Mutter wurde Hauptbuchhalterin. Als ich etwa sechs Jahre alt war, wurde mir klar, dass sie gerne trank. Jedes Mal wenn Besuch kam oder wenn wir im Sommer oder Herbst in lustiger Gesellschaft auf Lastwagen, Pilze und Beeren sammeln fuhren, spülten die Männer gerne beim Mittagessen oder gar ohne Grund einige Gläschen runter – dabei hielt meine Mutter „gut mit ihnen mit“. Deswegen war und ist für mich das Wort „Wodka“ seit meiner Kindheit für immer und fest mit schrecklicher Scham und Abneigung verbunden. 

Später besuchte mich die Scham häufiger. Wir lebten in Armut - ja, eigentlich im Elend.  Das Gehalt meiner Mutter betrug 70 Rubel. Meine Oma, die viele Jahre der Kolchose angehörte, bekam 16 Rubel Rente (damals hatten die Kollektivwirtschaftsmitglieder keinen Rentenanspruch, es war - wie es war). Ich habe es noch gut in Erinnerung, denn ich unterschrieb für sie, für den Erhalt dieser „riesigen Summe“, weil meine Oma Analphabetin war.  Kindesunterhalt kannten wir in unserer Familie so gut wie nicht, weil der Mann, der mein leiblicher Vater war, in den unermesslichen Weiten unserer Heimat praktisch nicht auffindbar schien. Manchmal, gegen Ende des Monats, kroch ich mit meiner Oma zusammen auf dem Fußboden herum, in allen Ecken suchend, hinter dem Buffet, hinter dem Schrank, unter dem Bett…mit der Hoffnung dass sich dort eine 15 Kopeken-Münze verirrt hatte, für die wir uns ein Brot kaufen konnten. Bonbons galten als fast unerreichbare Delikatesse. Der höchste Luxus war eine Dose billigen Pflaumenkompotts. In den glücklichen Monaten, wenn mal durch Vollzugsbeamte mein Vater ausfindig gemacht wurde, bekamen wir Unterhalt. Mal 80 Kopeken, mal 1 Rubel 20 Kopeken, mal 2 Rubel 50 Kopeken. Und nur ein einziges Mal erinnere ich mich, erhielten wir einige Monate lang 30 Rubel ausgezahlt. Für mich wurde davon ein Mantel gekauft, eine Mütze und Stiefel. Ich war zu diesem Zeitpunkt fast vierzehn.

Armut. Soweit ich mich meiner Kindheit und Jugend erinnere, war die Armut unser ständiger und erstaunlich treuer Begleiter. 

Meistens übernahm meine Schule meine Bekleidung. Die Schule kaufte mir eine Winterjacke oder einen gefütterten Mantel und Filzstiefel. Ich weiß nicht, was das für eine Art der Unterstützung war, aber ehrlich gesagt, verspürte ich keinerlei Dankbarkeit. Nur Scham. Für mich und für meine Mutter. Und für die elenden billigen Sachen, die irgendwo am Stadtrand in eigenartigen und düsteren Lagern gekauft wurden.

Meine Mutter sang gern. Und wie sang sie! Opernarien, Arien aus Operetten, lange melodische Lieder und sogar Bravourmärsche erklangen, solange ich mich erinnern kann. Sie klangen während wir unsere Wohnung strichen, oder selbst wenn sie selten zu Hause war, sie klangen während der Hin– und Rückfahrten auf diesen Lastwagen zum Pilze sammeln. Im Gesang  gab keine Ihresgleichen. Von den anderen Frauen wurde sie nicht geliebt. Das fing ich sehr früh an zu spüren und zu verstehen. Sogar die, welche sich ihre Freundinnen nannten, hatten sie nicht lieb. Und deswegen mochte ich die auch nicht. Selbstverständlich sprach es keiner aus. Ich spürte es nur und war felsenfest überzeugt, dass die  Erwachsenen es genauso empfinden würden. Ebenso wie ich immer Hinterlist, Schmeichelei, Neid, Hohn bei einem lächelnden, demonstrative Freundlichkeit zeigenden Gesicht spüren konnte. 

Meine Mutter konnte vieles, was die anderen - warum auch immer - nicht konnten: 

Gedichte so vorlesen, dass viele weinen mussten; sie trat auf der Bühne in einem Volkstheater auf; sie konnte gut malen, und natürlich sang sie. Eine seltsame Beziehung hatte ich in meiner Kindheit zu ihr: ich vermisste sie, hatte Sehnsucht und gleichzeitig fürchtete ich mich vor ihr. Sie war für mich ein wunderliches und erstaunliches Rätsel – es zog mich zu ihr hin und gleichzeitig verspürte ich Übelkeit von ihren verschiedenen Gerüchen. 

Sie roch nicht gut: nach Tabak (ihr ganzes Leben lang rauchte sie) und nach etwas Fremdem, und Beschämenden. Nur viele Jahre später kam ich darauf, dass ich bereits damals extrasensorische  Fähigkeiten besaß („extra“ – erhöhte; einfach: etwas höhere als durchschnittlich, das heißt nichts anderes, als etwas mehr Gespür) und solche Menschen nehmen auch Gerüche etwas feiner wahr    als andere.

Sie roch nach Bitterkeit und Schamlosigkeit. Später begann mir bewusst zu werden, dass sie häufig nach einer „Alkoholfahne“ roch, und ich hasste diesen Geruch mein ganzes Leben lang. Manchmal roch sie nach etwas Geheimnisvollem. Dann kam der Geruch von Krankheit hinzu. Ich sprach nie darüber, weil ich dachte, dass alle dies spüren und es Normalität sei. 

Ihr werdet doch auch nicht – jedes Mal wie gewohnt atmend, immer wieder sagen: „ „Luft“,            „ich atme Luft, in mich strömt beim Atmen Luft, um mich herum ist Luft. 

Meine Mutter führte ein eigenes geheimvolles Leben, in das ich nicht hereingelassen wurde und in dem ich, warum auch immer, keinen Platz hatte und abseits stand.

Der „Krankheitsgeruch“ begleitete meine Mutter schon seit Jahren und ich war daran gewöhnt. Manchmal wurde er stärker, manchmal – schwächer.  Und als meine Mutter eines Tages zu mir sagte, dass sie krank sei (sie hatte Nierensteine), reagierte ich selbstverständlich überhaupt nicht darauf, weil ich es schon seit einigen Jahren wusste.  Sie war nicht nüchtern, fühlte sich durch meine Gleichgültigkeit beleidigt, fing an zu schreien. Es begann ein routinemäßiger alkoholbedingter Skandal mit Tränen und Drohungen, mich in ein Kinderheim wegzugeben (diese Drohungen stieß sie nicht zum ersten Mal aus) - mich, die herzlose Egoistin, der auch die Krankheit ihrer leiblichen Mutter nichts ausmache. Jedoch solle man mich nicht nur ins Kinderheim weggeben, sondern vorher auch noch umbenennen: zum Beispiel auf Pulcheria oder Sekletinia. Ich schluchzte. Diese Namen und die Aussicht ins Kinderheim zu kommen, welches mir als Kindergefängnis vorkam, schauderten mich. Meine Mutter jedoch im Alkoholrausch, erfand neue und neue Grässlichkeiten die sie mit Phrasen über meine Kaltherzigkeit spickte und beschimpfte mich als Kanaille. „Dir ist es egal dass ich krank bin!“ Schreiend gab  sie  mir Ohrfeigen und ich konnte aufrichtig nicht verstehen, warum es ihr gerade heute einfiel. Ich weinte und dachte erschrocken, dass meine Mutter wahrscheinlich verrückt geworden ist, wenn sie vergessen hatte, dass sie schon lange Jahre krank ist. Mir kam damals  überhaupt nicht in den Sinn, dass sie davon einfach nichts wusste. (Liebe Mütter, Väter, Omas und Opas! Denkt bitte daran, dass eure Kinder und Enkelkinder viel feiner als ihr alles spüren und empfinden, und sie reden darüber nicht, eben weil es so selbstverständlich für sie ist. Denkt daran und vergesst es nicht!)

Am nächsten Morgen, ging ich in die Schule - mit geschwollenen verheulten Augen, schrecklichen Kopfschmerzen. Vom langen Schluchzen bekam ich immer Kopfschmerzen, wofür ich auch Ärger bekam, also durfte ich nichts sagen. Ich lief und überlegte, dass unser Leben jetzt wohl noch schlimmer werden würde, weil die Mama ganz offensichtlich verrückt geworden war, da sie sich an solche alten und selbstverständlichen Dinge nicht mehr erinnern konnte. Am schlimmsten erschien mir der Gedanke, dass meine Mutter dann auch meine Oma nicht mehr erkennen könnte und sie daher aus dem Haus jagen würde. (Die Beziehung zwischen beiden war schon so angespannt).  Als meine Oma im Gespräch mit ihrer Freundin sagte „Bei Dusja (meiner Mutter) wurde im Krankenhaus diese…wie heißt das nochmal… diese Diagnose gestellt“, kam ich auf die Idee, dass das so eine Art Spritze sein musste, von der die Menschen ihr Gedächtnis verlieren und verrückt werden. Daraufhin fürchtete ich mich viele Jahre vor Krankenhäusern, und noch stärker - vor diesem Wort: „Diagnose“.  Traurig, aber ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass mir jemand irgendetwas erklärt hätte.  

 

Vielleicht aus der häufigen Empfindung  inneren Schmerzes oder aus der Entfremdung, die zu mir wehte und die ich empfand, oder vor Schreck wegen dem bevorstehenden Umbenennen, war mein Name von nun an, mit etwas Beunruhigendem und Schmerzlichen irgendwo in meiner Tiefe verbunden. Ich mochte meinen Namen nicht mehr und nannte mich selbst nun „Mädchen“. 

Das Mädchen wuchs zwar nicht als Rabauke auf, aber meine Kleider wurden an Zäunen oft genau so  wie die Hosen bei den Jungs zerrissen. In der Schule allerdings lief es gut. Ich lernte leicht und unproblematisch. Auf den Elternabenden bekam meine Mutter nur Lob zu hören. Und weil sie sich da ziemlich selten blicken ließ, ahnte keiner, dass es in unserer Familie ein schreckliches Geheimnis – ein „Skelett im Schrank“ gab: die Alkoholabhängigkeit meiner Mutter. 

 

Zuerst trank sie ein wenig und gar nicht so oft, danach häufiger und stärker. Vielleicht schien es ihr, dass sie eines Tages aufwacht und die Welt um sie herum viel fröhlicher sein wird und ihr die glückliche Seite zeigt? Wer weiß... Meine Oma starb. Zwei Seelen blieben im Haus leben. Sie lebten unterschiedlich. Manchmal - relativ normal, und  manchmal auch furchtbar. So zum 10. - 11. Lebens-jahr wurden Prügel für mich zur Gewohnheit. Es mag sein, dass die Frau ihre Wut und den Zorn für Misslungenes an diesem Mädchen ausließ, welches sie nicht schaffte so zu unterdrücken, dass es ergeben, schweigsam und still war, dass es unsichtbar wurde.  Oder sie versuchte dem Mädchen solche Grenzen zu setzen, damit es sein Leben nachher nicht mehr als ungerecht und hart empfand. Sollte es sich an Prügel gewöhnen! Nicht durch das Leben, sondern durch die Mutter.

Die Zeit verging. Das Mädchen besuchte eine Theater AG, eine Musikschule, ein Ballettstudio –hatte Zeichenunterricht, war Schlittschuhlaufen. Das alles war interessant und machte ihm Spaß, aber am Wichtigsten war: so wenig wie möglich Zeit zu Hause zu verbringen. Weil - zu Hause fing das andere, von allen geheim gehaltene Leben an. Nach einigen „intensiven Unterhaltungen“ mit der Mutter musste man am Folgetag zum Sportunterricht statt des vorgegebenen offenen Gymnastikanzugs ein langarmiges Trikot anziehen und beherzt lügen, weil der Körper von der Prügel ganz blau war. Geschlagen wurde das Mädchen mit Phantasie und brutal, das muss man sagen. Wofür? Für verschiedenes… Dafür, dass es den Solfeggio-Unterricht in der Musikschule nicht mochte und diesen entweder schwänzte oder eine „drei“ heim brachte;  dafür, dass es den Tee nicht aufgekocht hatte…… Für die Schulnote „zwei“ gab es auch Schläge. Die Norm war, mich abzuschwarten mit einer zusammengefalteten Gummikabelschnur, von der ich sofort überall am Körper schwellende, sich blau färbende Striemen-abdrücke bekam. Damit die Nachbarn keine Schreie hörten, schaltete man das Radio lauter ein. Damit das Mädchen nicht weglief und nicht zappelte (das Mädchen wurde größer und kräftiger), wurde der lange Zopf der Tochter um den Arm der Mutter gewickelt – und schon war an Losreißen nicht zu denken. Im Sommer wurde gern eine Holunderrute verwendet. Diese war plastisch und biegsam und federte gut nach. Wenn im Winter die Gummikabelschnur von der sibirischen Kälte starrgefroren war, wurde eine Wäscheleine verwendet. Um deren Wirkung sicher zu stellen und die Angst zu schüren, wurde sie vorher in Seifenwasser nass gemacht. 

So verlief das Leben. Jemandem zu verraten, dass die Mutter trinkt, war eine schreckliche, fürchterliche Schande - einfach unmöglich. Obwohl sie manchmal sogar über Bürgersteigbretter ins Haus geschleppt werden musste. Ebenso, wie einige trunksüchtige Fahrer es schaffen, ihren eigenen Hauseingang wie am Schnürchen zu erreichen, um dann fast bewusstlos aus dem Auto rauszufallen, so besaß diese Frau die beeindruckende Fähigkeit, in unterschiedlichen Stufen des Alkoholrauschs auf hochhackigen Schuhen geradeaus zu laufen - genau bis zu unserer Gartenpforte – und dahinter fiel sie augenblicklich um. 

Jedoch lebten um uns herum Leute. Und alles wurde früher oder später bemerkt. Dadurch wurde es nur schmerzlicher. Wegen der Scham. Wegen der brennenden, unerträglichen Scham für die Mutter.  Wegen der Unmöglichkeit irgendwas zu ändern; wegen der bedrückenden Gedanken in dieser leeren und dröhnenden Einsamkeit des Unglückskindes, als welches das Mädchen sich empfand. 

In der 9. Klasse, nach einer üblichen „Klärung“ musste es barfuß über den Schnee zu der Klassen-lehrerin fliehen. Und nachher auch noch fast kniend, den Direktor der Schule bitten, dass niemand informiert wird. Denn es verstand, dass die Mutter dann auch noch ohne Arbeit bliebe und alles noch schlimmer würde. Nicht für sie. Für das Mädchen. 

Eines Tages hielt das Mädchen es nicht mehr aus und stieß die tobende Frau von sich weg. 

Während diese, betrunken wie sie war, verblüfft überlegte, wie sie auf diese Frechheit reagieren sollte, sagte ihr das Mädchen ohne Tränen, ruhig und fest: „Fass mich nicht an, sonst gehe ich zur Polizei, Stadtverwaltung und zur Lokalzeitung“. 

Das Mädchen war im fünfzehnten Lebensjahr. Die Prügel hörten auf. 

Aber die Demütigungen nahmen nun eine mündliche Form an: beleidigend,  scheußlich, platt und ausgesprochen niederträchtig. Nach einem Jahr zog das Mädchen in eine andere Stadt. Bald darauf verstarb die Mutter. An einem Herzinfarkt. 

Ich wies immer meine Weiblichkeit von mir, konnte sie nicht annehmen. Ich wollte immer ein Junge werden, später einen Männerberuf erlernen, um unabhängig zu sein. Und sehnlich fliegen wollte ich - vielleicht auch deswegen. Romantik – ja- aber nicht nur. Ich wählte aus diesem Grunde Flugzeugbau–und Technik aus. 

Mein Leben danach war unterschiedlich, aber Eins manifestierte sich fest und schmerzhaft in meinem Inneren: „Wofür?“. Warum? Dies Alles – womit hatte ich das verdient? Ich wies trotzig die Gegebenheit des Schicksals als Frau zurück, auch Heirat, Kinder lehnte ich ab. Ich betonte sogar als Motto: „Über den Körper pflanzen sich nur diejenigen fort, die sich nicht geistig verbreiten können“.  Und erst als mir mein Leben einen Hinweis mit dem Begriff „Karma“ gab, mir ein Geschenk machte, als es mir zeigte, wer ich einst war und wie ich damals war, kam das bewusste Verständnis: 

warum, wofür und wozu. 

Deutschland. Ende des 16. Jahrhunderts. Ein Wirtshaus….eine Herberge, an irgendeiner Straße

… in der  Nähe, keine Städte… Eine kleine Siedlung.

Das Wirtshaus wird von einer Familie geführt: Der Vater – ein korpulenter, bereits etwas auseinander gegangener Bürger, sowohl Hausherr, Wirt als auch Koch. Die Mutter, auf deren Schultern Hof, Haushalt und vier Kinder lasten. Ich war das zweite Kind in der Familie. Das Leben schien an uns vorbeizugehen. Das Leben war dort….- wo die Gäste herkamen und da, wo sie hinfuhren... Die Gäste kamen alle geschäftlich, ihre Anliegen schienen mir interessant, fast unirdisch. Mit meinen vierzehn Jahren war ich eine seltsame Träumerin, völlig weltfremd. Ich war fernab der Realität und nahm weder irgendwelche Sorgen noch meine Hausarbeit wirklich wahr. Obwohl ich meinen häuslichen Aufgaben nachkam, empfand ich sie als etwas ärgerliches, etwas was mich beim Träumen störte.  

Mit fünfzehn Jahren gebar ich dann einen Jungen. Von irgendeinem Gast, ich befürchte, dass ich sogar dessen Name ich nicht wirklich erfuhr… Vielleicht spürt man keine Mutterschaft mit fünfzehn. Ich zumindest, spürte keine. Aber ich ließ mich in die Illusion vom „märchenhaften Leben“  aus den Erzählungen und Reden der täglichen Gäste hineinziehen. Gäste, die aus gewöhnlichen Orten kamen, die nichts Märchenhaftes an sich hatten, die eigentlich die Alltagsroutine besprachen, ihre Reden schienen mir zauberhaft – man hörte unbekannte Ortsnamen, Personennamen; diese Menschen spielten unbekannte Rollen in einer unbekannten Welt. Meine Zerstreutheit zusammen mit meiner Verträumtheit hatte zur Folge: eine völlige Unfähigkeit, die Umgebung realistisch zu sehen und einzuschätzen. 

Bei jeder Erzählung spürte ich unbewusst meine Leidenschaft und Zugehörigkeit zu diesem Märchen: der Sprechende kam mir fast wie ein Märchenprinz vor, und ich war seine Auserkorene, wobei ich in Wirklichkeit gänzlich unbeachtet blieb. Für mich schien (ach, immer wieder dieses „schien“) diese in meinem Kopf entstehende Illusion, wahre Realität zu sein.

Einen flüchtigen, irgendwohin geworfenen Blick, sah ich an, als sehnlich und begehrlich auf mich gerichtet oder als heimlichen Versuch, mich genauer anzuschauen. Fast jedes Wort, was ich im Vorbeigehen hörte, schien ebenso insgeheim an mich gerichtet und selbstverständlich mit geheimen, romantischen Kontext gefüllt  zu sein. 

Typische Frauenphantasien - wenn man eine besondere Bedeutung in allem sieht, was jedoch nicht im Geringsten existiert.  Illusionen, die immer zu Enttäuschungen führen…

Mit siebzehn bekam ich noch ein Kind und kurze Zeit später floh ich mit einem Gast aus dem Elternhaus. Die Kinder ließ ich bei meinen Eltern. Der Vater verfluchte mich… 

Ich sah keine Details von diesem Leben, genau gesagt, ich sah nicht alle Einzelheiten.

 

Ich lag im Sterben in einer Absteige, schmutzig, ekelig, mies. Ich verstarb nicht an einer Krankheit, wobei es offensichtlich eine gab, wenn ich schon am Sterben war. Jedoch hatte ich ganz klar das Wissen in mir, dass ich nicht an der Krankheit sterben werde, sondern daran, dass alle Sündenwege von mir bereits durchschritten worden sind.  

Wie Flimmern, leer und sinnlos, schwirrten Bilder vor den Augen. Wie Schatten zogen durch meine Erinnerung: meine Diebstähle, Trinkgelage und Männer. Das Leben, das ganze Leben lief gefühlt wie ein klebriges schmutziges Band vorbei, mit eklig-klebrigen Illusionen und Versuchen, vor der Sicht auf die Realität wegzulaufen, um sie durch schöne (die schienen mir damals schön) Phantasien und den Nebel dummer Illusionen zu ersetzen. 

Da ich die Arbeit an meinem  Leben - da, wo ich geboren wurde, nicht gewünscht hatte, brachten die Momente der Selbstbesinnung Seelenschmerzen mit sich und ein schreckliches Gefühl von vergeude-ten Jahren. Die junge Frau hatte diese weggeschoben und versuchte sich hinter der Suche nach zau-berhaften Gefühlen und phantastischen Geschichten zu verstecken. Sie sehnte sich nach Schönheiten, Komfort - nach allem,  und aufeinmal.  

Ich war wie ein Boot ohne Steuermann, das hin und her getrieben wurde. Das Boot (die Seele) wünschte begierig, sich aus der Führung des Steuermannes (des Verstandes) loszureißen und es gelang. Im Endeffekt zersprang das Boot (und zusammen mit ihm das Leben) in Scherben. Es verblieb das Gefühl von Schmutz: leichte, zu nichts verpflichtende Liebschaften, die Ekel und Leere in die Seele brachten; Prinzipienlosigkeit, die zu verbrecherischen Gedanken und Taten führte: fremdes zu nehmen oder einfach zu stehlen; Sittenlosigkeit,  die fast alles rechtfertigen ließ. Und dazu noch eine erschreckende, wilde und ziehende Wehmut wegen des Selbstbetruges, früher als Romantik und Flirt erscheinend. Wehmut, die in den Abgrund führte…Wehmut, vor der man sich verstecken wollte. 

Ein Teufelskreis.   

Die einzige Kostbarkeit, die in meiner Erinnerung verblieb, war ein seltsamer Augenblick, ein eigen-artiger Moment. Eine kleine Stadt…eine Taverne… Entweder, weil ich jemandem etwas gestohlen hatte, oder weil jemand gestohlen hatte und ich nicht getan hatte, was ich tun sollte und meine Spießgesellen daher ins Gefängnis gerieten, wollte man mich umbringen. Ich drehte fast durch von der Unabwendbarkeit und vor Grausen und konnte, warum auch immer, nichts dagegen tun. Ich hatte das Gefühl, dass jetzt gleich… in ein paar Stunden – Schluss ist. Man findet mich und mein Leben endet. Aus der Taverne, vor der ich von Angst geschüttelt saß, kam ein Mann heraus.

Kräftig, ruhig, wortkarg. Er packte mich, ließ mich vorne auf seinem Pferd aufsitzen und ritt mit mir weg. Woher wusste er, dass ich fliehen musste? Ich weiß es nicht, ich weiß nichts. Und ich erfuhr es nie. Wir erreichten eine Stadt, er brachte mich irgendwo unter, und als er schon gehen wollte, klammerte ich mich an ihm fest. Mir schien, wenn er jetzt geht, wird mein Leben sofort abbrechen. Wie konnte ich das Gute vergelten, was er, mich gar nicht kennend tat?

Was konnte ich ihm als Gegengabe bringen, für das, was ich als Geschenk erhalten hatte? Ich hatte nichts… Nichts außer mir selbst - und mich gab ich ihm hin. Er brauchte es nicht, und er wollte es anfangs nicht… Aber entweder, mein halbkindlicher reiner Wunsch (verwunderlich – und das bei so einem Leben) ihm alles zu geben, was ich hatte, berührte ihn oder das Schicksal selbst regelte es so. Es war eine eigenartige, wunderschöne und beklemmende, zärtlich - wehmütige Nacht der Zweisamkeit…durch den Kopf ging das Wort „Liebe“, das mich erschrecken und gleichzeitig aufhorchen ließ. Ich erfuhr über ihn nichts. Am Morgen ritt er weg, genauso seltsam und mysteriös wie er auftauchte. Er war älter als ich. Er war ernst und strahlte Weisheit aus.  Klug. Kräftig. Er hatte starke Arme und Hände… Aber es war merkwürdig, mir schien, dass ich diese Hände kenne… dass ich sie schon ewig kenne…dass ich sie immer schon kannte

Er redete so gut wie nichts. Vor allem über sich selbst. Er war so wortkarg und sein Körper strahlte wundervolle Ruhe aus. Ich schlief in seinen Armen ein… 

Und vor dem Sterben erinnerte ich mich daran, was ich im Grunde genommen nie in jenem wüsten Leben vergessen hatte… Ich erinnerte mich an seine Hände, und daran, dass mir beim Einschlafen schien, er würde für immer bei mir bleiben. Und dass er niemals, niemals – niemals, nirgendwohin verschwindet und meine Rettung sein wird von all dem, was in meinem Leben bisher geschah. 

Der letzte Gedanke, der im Moment des Todes in meinem Kopf aufblitzte war:  die Kinder!!  Ich habe meine Kleinen verlassen… und dafür gibt es keine Vergebung.

 

Als ich bereits in meinem gegenwärtigen Leben nach langen Qualen und dem viele Jahre dauernden Prozess der Vergebung meiner Mutter plötzlich erkannte, dass meine Mutter offensichtlich die schwere Last auf sich genommen hatte, mir zu zeigen, was es bedeutet: ein verlassenes und unbeachtetes Kind zu sein, das man nicht gebrauchen kann - damit ich niemals mehr, in keiner Reinkarnation,  diese Sünde wiederholen werde, konnte ich tiefe Dankbarkeit zu ihr empfinden. 

 

Viele Jahre lang lebte in mir die Kränkung und der Groll auf meine Mutter und auf das Schicksal. 

Sie lebten in meinem Inneren und taten ihre Arbeit. Dann fast zwei Jahrzehnte lang verschwanden sie tief in mir und wurden von Gleichgültigkeit zum Erlebten überlagert. Das hielt ich für Vergebung. Und erst später, nach jahrelanger, unentwegter Arbeit kam das Bewusstsein, dass sich die Seele meiner Mutter geopfert hatte, damit ich erkennen, verstehen und mir sehr, sehr vieles bewusst werden konnte. Mich somit zu erlösen und den Stein der Sünde von mir zu nehmen, der es mir mehrere Inkarnationen lang nicht erlaubt hatte, Kinder zu haben und glücklich zu werden.

Ich bat um Vergebung für alles, was ich in allen meinen vergangenen Leben getan hatte, für den Schmerz, den ich meinen Müttern und Vätern oder meinen Kindern bereitet hatte.

Ich bat für meine Mutter, damit ihrer Seele vergeben werde, so wie ich ihr vergab. 

Das war ein Moment, wenn nicht der endgültigen Erleuchtung, so auf jedem Fall – der Buße. 

Und erst danach konnte ich mich an meine Kindheit  und an das, was ich durchleben musste, absolut schmerzfrei erinnern.

 

                                                                                              

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